Misericordias Domini, 26. April

Der Predigttext steht im 1. Petrusbrief, Kapitel 2, Verse 21-25
„Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht wider schmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsere Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Gemeinde,
die Stimmen mehren sich, dass wir in der Epidemie nun nicht mehr nur die Gesundheit der Menschen, sondern auch die wirtschaftlichen Lebensgrundlagen bedenken und sinnvolle Maßnahmen ergreifen sollten. Wissenschaftler*innen sagen, es dauere mindestens noch zwölf Monate, bis ein Impfstoff gegen die CoVID-19-Pandemie produziert werden könne. Und währenddessen mehren sich Stimmen in sozialen Medien, es bringen sich lauter laute Politiker zu Gehör, die mit kruden Verschwörungstheorien oder mit aberwitzigen Vorstellungen und unbewiesenen Thesen Menschen aufwiegeln und in all der Unsicherheit zu weiterer Verunsicherung beitragen. Viele Menschen suchen verständlicherweise in all der Unübersichtlichkeit nach Orientierung, nach der Person, der Maßnahme oder Einsicht, der sie vertrauen können. Wir alle suchen in diesen unklaren Zeiten nach Tröstungen, doch treffen wir allzu häufig nur auf Menschen, die auch nur im Trüben fischen und Trügerisches für uns angeln. So soll zum Beispiel Knoblauch gegen eine Infektion mit SARS-CoV-2 auf jeden Fall helfen – es ist ein Trugschluss, wie vernünftige Einsicht schnell herausfindet.
Einer, in dessen Mund sich kein Betrug findet, wie es im Predigttext heißt, – ja das wäre jetzt genau jemand, den wir bräuchten. Aber den finden wir hier nicht. Wir finden hier nur sehr verantwortungsvolle Politiker*innen, die bisher mit ihren Entscheidungen einen guten Weg gewiesen haben; wir finden Wissenschaftler*innen, die mit ihrer Expertise einen Orientierungsrahmen geben, aber wie alle Verantwortlichen nur weiterhin „auf Sicht fahren“ können und allen trügerischen und manchmal betrügerischen Vorstellungen oder Lügen oder Ansichten Fakten entgegenzustellen wissen. Mehr geht im Moment nicht. – Währenddessen leiden Menschen in Krankenhäusern, in Intensivstationen, sie sterben allein, und Angehörige dürfen nicht zu ihnen; Ärzte und Pflegepersonal mühen sich seit Wochen für sie, für uns alle ab; in Schulen müssen Lehrer*innen dafür sorgen, dass ein eingeschränkter Lehrbetrieb wieder anläuft und wissen bei all den Widrigkeiten nicht, wie.
In Jesus Christus haben wir einen, der unsere mangelnde Voraussicht, die wachsende und verständliche Nachlässigkeit, die Inkonsequenz, unsere Zugänglichkeit für einfache Erklärungen und den riskanten Wunsch nach unserem früheren Leben auf sich nimmt. In ihm finden alle Furchtsamen, die Leidenden, die einsam Siechenden, aber auch die, die sich für das Wohl anderer plagen, die sich mit schwierigen Entscheidungen herumschlagen, einen, der sich unerkannt zu ihnen allen gesellt. Bei ihm finden sie eine tragende Gemeinschaft, die über all die Ungewissheit, Unwägbarkeit und Unwegsamkeit, über alle Ungeborgenheit und Ungeschütztheit hinaus eine Besonnenheit, Gelassenheit und ein Heil gibt, die bei allen anstehenden Schwierigkeiten eine heilsame Zuversicht weckt und ins Werk setzt. Aus seinem Leiden heraus, das er für uns überwunden hat, erhalten wir alle von ihm eine Kraft, die unser Vertrauen auf ihn lenkt, den Hirten und den, der uns im Blick behält, auf uns sieht, uns beaufsichtigt und behutsam lenkt. Amen.
Pastor Jens Petersen