Palmarum

Predigtfragmente von Diakon und Seelsorger Manfred Büsing

Aus dem Evangelium Joh.12,12-19 für Sonntag Palmarum 05.04.2020

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!

Dieses Jahr – kein Einzug nach Jerusalem! Mehrfach konnte ich dieses hollywood-reife Spektakel am Ölberg in den letzten Jahren miterleben. Ganze Pilgerscharen, Touristengruppen und einheimische Bevölkerung standen da vor den Toren Jerusalems. Sie säumten den Weg vom Dorf Betfage runter bis ans Stephanstor, Händler verkauften noch schnell die letzten Palmzweige – dazu Kaltgetränke und Essbares. Dann kam Jesus (wahrscheinlich ein gebuchter Schauspieler) mit einem ganzen Tross an Jüngerinnen und Jünger – dazu Blaskapellen, Kreuzträger, Gläubige in fast ökumenischer Eintracht. Das Hosianna in allen Sprachen. Jedes Jahr nachgestellt und aufgeführt – ein bisschen Klein-Oberammergau.
Dieses Jahr ist aber auch in Israel/Palästina alles anders. An Palmarum bleibt der Ölberg leer, die Zweige an den Palmen und die Imbisswagen in der Garage. Der Esel bleibt zufrieden im Stall – der Jesus-Darsteller wahrscheinlich ohne Honorar.
Und wir? Bleiben auch zu Hause. Finden etwas Zeit zum virtuellen Mitgehen am Ölbergweg. Wo stellen wir uns mit auf? Bei den Touristen, um aus der Ferne am Geschehen teilzunehmen? Motto: „Komm mir bloß nicht zu nahe, Jesus“. Oder eher bei den Pilgern? Motto: „Heute Hosianna. Gelobt sei, der da kommt.“ Schon sehr bald werden diese dann aber rufen: „Kreuzige ihn“. Das Szenario hat ja erst begonnen. Die Karwoche liegt vor uns. Ein langer Weg mit Leid und Schmerz –noch weit entfernt schimmert ein schwaches Osterlicht. Vielleicht bleibe ich aber auch nicht am Rand stehen. Ich gehe ein paar Schritte mit Jesus mit. Folge ihm. Tastende Schritte in aller Unvollkommenheit. Ein Wagnis mit Folgen. Ich entdecke einen Hoffnungsträger. Bemerke, dass sich Schwäche durchaus in Stärke verwandeln kann. Am Kreuz komme ich dabei nicht vorbei. Das wird hart, nicht wirklich zumutbar, ein Skandal. Geht das nicht auch anders? Der sanfte Rebell auf einem Esel. Hosanna, das gefällt mir. Da schwinge ich dann auch gern mal ein paar Palmzweige. Aber die göttliche Dramaturgie verfolgt einen anderen Plan. Ich versuche, dranzubleiben, mit meiner Stärke und Schwäche, mit meinem Glauben und Zweifel, mit Hosanna und dem „Kreuzige ihn“. Dabei werde ich nicht in Quarantäne geschickt. Komme nicht in die Isolation. In der großen Gemeinschaft der Glaubenden habe ich meinen Platz. Ich ahne bis heute eine lebendige Dynamik von Geschenk und Herausforderung, von Stärke und Zerbrechlichkeit, von Passion und Auferstehung.
Jeder Sonntags-Gottesdienst ist immer auch ein Stück Ölbergprozession. Kyrie und Gloria – Klage und Lob – Dank und Bitte. Wir gehen heute unsere eigenen Wege in unseren eigenen vier Wänden. Dennoch in heiliger Geistkraft verbunden. Zwei Schritte vor und einen zurück. Aber auch so kommen wir weiter – auf Ostern zu. Amen – Ja, so sei es! Und der Segen Gottes begleitet uns durch diese Zeit.
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