Gottesdienst – Gebete – Andacht

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in diesem Jahr feiern wir die Gottesdienste in der Passionszeit in einer Situation, die verunsichert, ängstigt und die uns zwingt, voneinander Abstand zu halten.

Dabei ist der Gottesdienst am 22.03.2020 eigentlich ein besonderer, denn in der Mitte der Passionszeit blicken wir eigentlich voraus auf Ostern und sollten uns den Glanz des Osterlichts und der Osterfreude eigentlich in die Zeit der Zurückhaltung und Einkehr vorausleuchten lassen. Doch in diesem Jahr sind wir schon äußerlich gezwungen, Zurückhaltung und Einkehr im wirklichen Sinne zu üben. Das fordert uns sehr viel ab: Geduld, Ruhe, Disziplin, Verantwortungsgefühl, Nüchternheit – je länger, desto mehr fällt uns das schwerer.

Im folgenden sind Texte und Lieder verzeichnet, die zu einer Andacht gelesen und – wenn Sie mögen – auch gesungen werden können. Wir sind zwar aufgerufen uns zu vereinzeln und aus Schutz voreinander fernzuhalten, aber wir sind deshalb nicht einsam.

Die folgende Andacht können Sie am Sonntag um 10:00 Uhr zur üblichen Gottesdienstzeit in Ruhe nachvollziehen. Alle, die – vielleicht mit einer angezündeten Kerze, vielleicht in einem gemütlichen Sessel, vielleicht auf einem Stuhl an einem Tisch, vielleicht nur kurz, vielleicht in stiller Andächtigkeit – daran teilnehmen, sind in unserem Herrn und Bruder Jesus Christus und im Geist seiner Liebe miteinander verbunden, und die ist langmütig und freundlich, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Wenn Sie ein Gesangbuch und eine Bibel zur Hand haben, legen Sie beides vor sich.

Zünden Sie eine Kerze an.

Sprechen Sie den Psalm 84, im Evangelischen Gesangbuch Nr. 734:

Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth!

Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn;

mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.

Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –

deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.

Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten

und von Herzen dir nachwandeln!

Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund,

und Frühregen hüllt es in Segen.

Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.

Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!

Gott, unser Schild, schaue doch; sieh doch an das Antlitz des Gesalbten!

Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.

Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten.

Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre.

Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!

Singen oder lesen Sie einfach das Lied „Jesu, geh voran“, im Evangelischen Gesangbuch Nr. 391:

  1. Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.
  2. Soll’s uns hart ergehn, lass uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen; denn durch Trübsal hier führt der Weg zu dir.
  3. Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, kümmert uns ein fremdes Leiden, o so gib Geduld zu beiden; richte unsern Sinn auf das Ende hin.
  4. Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nöt’ge Pflege; tu uns nach dem Lauf, deine Türe auf.

Die Lesung aus dem Alten Testament steht im Buch des Propheten Jesaja im 66. Kapitel, die Verse 10 bis 14, und ist der Predigttext für diesen Sonntag:

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid!

Denn nun … dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrem Reichtum.

Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Singen oder lesen Sie einfach das Lied „O Heilger Geist, kehr bei uns ein“, im Evangelischen Gesangbuch Nr. 130:

  1. O Heilger Geist, kehr bei uns ein und lass uns deine Wohnung sein, o komm, du Herzenssonne. Du Himmelslicht, lass deinen Schein bei uns und in uns kräftig sein zu steter Freud und Wonne. Sonne, Wonne, himmlisch Leben willst du geben, wenn wir beten; zu dir kommen wir getreten.
  2. Steh uns stets bei mit deinem Rat und führ uns selbst auf rechtem Pfad, die wir den Weg nicht wissen. Gib uns Beständigkeit, dass wir, getreu dir bleiben führ und für, auch wenn wir leiden müssen. Schaue, baue, was zerrissen und beflissen, dich zu schauen und auf deinen Trost zu bauen.
  3. Lass uns dein edle Balsamkraft empfinden und zur Ritterschaft dadurch gestärket werden, auf dass wir unter deinem Schutz begegnen aller Feinde Trutz mit freudigen Gebärden. Lass dich reichlich auf uns nieder, dass wir wieder Trost empfinden, alles Unglück überwinden.
  4. Du süßer Himmelstau, lass dich in unsre Herzen kräftiglich und schenk uns deine Liebe, dass unser Sinn verbunden sei dem Nächsten stets mit Liebestreu und sich darinnen übe. Kein Neid, kein Streit dich betrübe, Fried und Liebe müssen schweben, Fried und Freude wirst du geben.

Andacht auf den Predigttext:

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser,

manche befällt beim Lesen des oben angegebenen Predigttextes aus dem Jesaja-Buch vielleicht ein merkwürdiges Gefühl. Das passe ja momentan so überhaupt nicht in die allgemeine Lage. Wie könne man sich da denn freuen über die Stadt, irgendeine Stadt, wo es doch überall auf der Welt, in New York, Rio, Tokio, unter dem Himmel in Berlin, an der Elbe, der Isar, der Leine überall gleich trostlos aussehe. Die Ausgangsbeschränkungen würden immer strenger, daheim falle einem oder einer schon die Decke auf den Kopf, und wie solle das erst in ein paar Tagen, geschweige denn in ein paar Wochen aussehen. Nicht dran zu denken! So sprechen bestimmt schon viele.

Und dann Lätare – also, zu Deutsch: „freue dich!“ Wie bloß? In der derzeitigen Situation klingt das womöglich manchem oder mancher wie Hohn in den Ohren. Dann sehen wir die Scharen von Menschen, die trotz Einschränkungen der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit bei schönem Wetter in den Parks oder auf den Plätzen zusammenkommen und das warme sonnige Frühlingswetter genießen – zusammen, in Gruppen. Und manche fragen sich schon, ob die vielen Unbelehrbaren, die vermeintlich Coolen, die es leicht nehmen und locker sehen, „den Gong schon gehört haben“, wie es Dr. Karl Lauterbach (SPD-Gesundheitsexperte, Dr. med. und Virologe) in einer Fernsehtalkshow jüngst sagte.

Wir scheinen also immer sinnliche Anregungen über Augen, Ohren, Mund oder den Tastsinn zu benötigen, damit sich bei uns Freude einstellt. Schauen wir aber auf die neuesten Nachrichten unserer Smartphone-Apps, ins Fernsehen, die Zeitung, hören wir besorgte Nachbarn oder Familienangehörige, spüren wir ein Kribbeln im Hals, einen Druck auf der Stirn oder einen Hitzeschub in uns, dann sind wir eher beunruhigt, vielleicht sogar alarmiert und haben kaum Anlass zur Freude.

Trotzdem ruft uns der Predigttext zur Freude auf  – und dann noch über Jerusalem. Was um alles in der Welt hat das mit uns zu tun? Die Antwort: Alles – und – gar nichts! Und dieser Zusammenhang ist unsere Rettung.

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser, wir werden uns gemäß dem Propheten Jesaja nur dann wahrhaft freuen können, wenn wir von uns, unserer Welt, den hier gewonnenen Einsichten, dem Druck, den Sorgen absehen, weghören können und unser inneres Auge, unser inneres Ohr, unseren Geschmack für die Unendlichkeit gebrauchen.  Die Freude, die Jesaja meint, hat gar nichts mit einer Hochstimmung zu tun, die ein Sinneseindruck auf Erden uns vermitteln könnte. Die Freude hat aber alles mit der Verbindung zwischen Gott und uns Menschen zu tun.

Gott selbst bleibt auch erreichbar für uns, wenn wir meinen, dass er sich weit entfernt habe. Gott bringt die Vereinzelten, die, die sich jetzt voneinander trennen müssen, die Furchtsamen und die Sorglosen zur Wahrnehmung einer Freude, die nur bei ihm, in Gemeinschaft mit ihm möglich ist. Ihm allein ist alles möglich. Seine Freude wird durch Jesus Christus in uns vollkommen und sie bleibt in uns.

Das bedeutet, er legt völlig neue Sinne bei uns an oder legt sie wieder frei: Gott in Jesus Christus durch den Heiligen Geist erschließt uns eine innere Freude, die uns auch in schweren Zeiten getrost und zuversichtlich sein und bleiben lässt. Seine Freude zündet in uns ein Licht an, das in völliger Ruhe leuchtet, uns neue Möglichkeiten zeigt und unseren Geist aus unseren engen, ängstlichen Grenzen heraus weit über unsere derzeitige Lage erhebt. Wir fassen Mut, erinnern uns an so manche schwierige Phase, die wir mit Gottes Hilfe überstanden haben und bilden Widerstandskräfte aus, die wir uns ohne Gottes Beistand vielleicht nicht zugetraut hätten.

Wir sehen in dieser Freude die Welt mit anderen Augen, hören mit anderen Ohren, fühlen mit einem anderen Seelenvermögen: Wir haben durch ihn das, was Goethe und seine ZeitgenossInnen als Heiterkeit bezeichnet haben. Das ist eine Freude, die über das Tun und Treiben, Gezänk und Gezeter, die Irrungen und Wirrungen des Augenblicks hinausträgt. Heiterkeit ist eine Freude, die einen im Durcheinander einen Durchblick, angesichts des ohrenbetäubenden Lärms eine Ordnung erkennen lässt – durch die Gnade Gottes.

Worin zeigt sich das aber nun? Jesaja nennt dafür einen Namen: Jerusalem. Jerusalem ist bei jedem und jeder etwas anderes. Bei vielen löst dieser Name aber Gefühle und innere Eindrücke aus: Sie denken sofort an die bekannte Silhouette mit der Klagemauer, der Al-Aqsa-Moschee und ihrer goldenen Kuppel. Für viele ist es ein Sehnsuchtsort, die heilige Stadt, an der Gott mit gebaut hat. Jerusalem ist für den dritten Teil des Jesaja-Buches das Bild, der Eindruck, die innere Wahrnehmung, die man erlangt, wenn man Jesaja liest. Diese Stadt kann man nicht touristisch erfahren oder sich in ihr ergehen. Das wäre nur ein Abglanz, eine Abschattung der strahlenden Siedlung, die beim Lesen im Inneren der Leserin, des Lesers aufgebaut wird. Diese Stadt kann man nur er-lesen, sie ist gebaut aus Buchstaben. Wir sehen sie mit unserem inneren Auge, hören sie mit unserem inneren Ohr, wir riechen und schmecken sie sogar mit inneren Sinnen.

Jerusalem: der Ort, der entsteht, wenn viele, wie Sie, die Sie das jetzt lesen, an ihn denken; der Ort, an dem wir miteinander verbunden sind, auch wenn uns die Umstände gerade voneinander trennen; der Ort, an dem Gott sich mit uns verbündet und uns schützt gegen Angriffe eines Gegners, der nicht zu sehen ist und unser Leben ganz zu beherrschen trachtet. In jenem Jerusalem finden wir unseren Herrn und Bruder Jesus Christus, der uns zeigt, dass er stärker ist als ein Virus. Er hat uns in eine Gemeinschaft berufen, deren Zusammenhalt größer ist als der Zwang, sich voneinander fernzuhalten. In Jerusalem wissen wir Gott gegenwärtig, wir haben dort alle ein BürgerInnenrecht.

Wo ist diese Stadt? Wir tragen sie in uns. Jesus Christus reißt Mauern der Angst, der Trennung, Abschottung, Gleichgültigkeit und des Egoismus ein; er baut in drei Tagen einen Tempel wieder auf, in dem Mut, Stärke, der Gemeinsinn, das Vertrauen entstehen. All dies sind Ecksteine unserer Gemeinschaft, die nur entsteht, weil Jesus Christus ihr Baumeister und gleichsam ihr Stadtbaurat ist. Er selbst ist der Eckstein zu einer Gemeinschaft mit Gott, den andere Bauleute schon verwarfen. Doch nun trägt er alles und bewahrt uns vor dem Zusammenbruch.

Wir freuen uns über die Stärke Gottes und wir stärken uns miteinander daran; wir genießen das, was Gott für uns bereithält. Und wir geben es in aller Vor- und Rücksicht an die weiter, die uns nun nötig brauchen. Amen

Gebet:

Gott,

du sagst, wir sollen uns freuen – in diesen Zeiten, und wir wissen nicht, wie.

Erfülle uns mit deiner Gnade und Zuversicht.

Wir vertrauen dir die an, die schwach sind und auf die Hilfe anderer angewiesen. Sende ihnen Menschen, die sich um sie kümmern und ihnen Trost spenden.

Wir vertrauen dir die an, die Sorgen oder Angst habe. Lass sie durch die Fürsorge anderer merken, dass sie gehalten sind und wieder Hoffnung entwickeln können.

Wir vertrauen dir all diejenigen an, die sich jetzt an verantwortungsvollen Stellen für das Gemeinwohl einsetzen: die ÄrztInnen, das Pflegepersonal in Krankenhäusern, Praxen und Pflegeeinrichtungen, das Personal in den Supermärkten und anderen Geschäften des täglichen Bedarfs, die täglich für uns die Bestände auffüllen und bereithalten, die MitarbeiterInnen von Bestelldiensten und Lieferunternehmen. Sie alle halten Lieferketten und die Versorgung aufrecht, sorgen für unsere Gesundheit. Gib ihnen Kraft bei drohender Überlastung, kreative Ideen bei Engpässen. Zeig uns durch sie deine Menschenfreundlichkeit und deinen Ideenreichtum. Behüte sie alle vor Überforderung.

Wir vertrauen dir uns selbst an. Lass uns alle begreifen, dass es jetzt auch auf uns, unser Verantwortungsbewusstsein, Vernunft und Disziplin ankommt. Schütze uns – auch vor den Folgen einer zu groß werdenden Furcht, schütze uns vor Chaos, das wir aus Angst selbst anrichten könnten. Mach uns deiner Gnade und deines Segens gewiss. Lass uns das Jerusalem sehen, das du für uns bereitet hast, das du für uns aus Mut und Zuversicht gebaut hast, die wir jetzt so dringend brauchen.

Amen

Singen Sie oder lesen Sie einfach „Komm, Herr, segne uns“, Evangelisches Gesangbuch Nr. 170:

  1. Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die deinen. Lachen oder Weinen wird gesegnet sein.
  2. Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.
  3. Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden. Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen, – die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.
  4.  Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die deinen. Lachen oder Weinen wird gesegnet sein.

Danach kann zum Abschluss das Vaterunser gebetet werden.

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Pastor Jens Petersen