Andacht zum 18. April

Offene Kirche am Sonntag, Miserikordias Domini

(Bedeutung: Die Barmherzigkeit des Herrn)

Psalm 23:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 Andacht

Die schlechten Hirten und der rechte Hirt

1 Und des Herrn Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? 10 So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11 Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13 Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. 31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

(Hesekiel, 34, 1-2, 10-16,31)

Wem vertraue ich mich an? Wem gebe ich Macht über mich? Wer die Vertrauensfrage stellt, stellt die Machtfrage. Deutlich wird das etwa dann, wenn im Deutschen Bundestag der Kanzler oder die Kanzlerin die Vertrauensfrage stellt. Hat er oder sie genug Parlamentarier hinter sich, bleibt er oder sie im Amt; wenn nicht, geht die Macht verloren. Wer die Vertrauensfrage stellt, stellt die Machtfrage.

Das gilt nicht nur in der Politik. Wem ich vertraue, dem öffne ich mich. Manchmal sagt jemand vielleicht: „Ich lege mein Schicksal in Ihre Hände!“ Und blickt auf den Arzt, von dessen Heilkunst sein Leben abhängt. Das Vertrauen, das ich jemandem entgegenbringe, kann aber auch missbraucht werden. Davon handelt der Anfang der Worte des Propheten Hesekiels: „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden!“ Getadelt werden da jene Regierenden im alten Israel, die nur auf sich selbst, nicht aber auf das Volk geachtet haben. Diese falschen Hirten werden heftig kritisiert, weil sie mit der Behauptung, sie seien gute Hirten, das Volk ins Verderben geführt haben.

Die Lebenswelt von Hirten und Herde ist heute fern gerückt. Sie taucht eher zufällig auf, wenn jemand einer Schafherde auf der Wanderschaft begegnet. Auch lässt sich kaum jemand gerne als „lammfromm“ und „dumm wie ein Schaf“ bezeichnen. Und doch hat das Bild vom guten Hirten, der achtsam mit seiner Herde umgeht und sie auf eine „grüne Aue“ und „zu frischem Wasser“ führt, etwas ungemein Anziehendes. Sehnsucht nach Geborgenheit wird angerührt: „Ich möcht, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht, dass einer mit mir geht.“ (EG 209,1.) Der 23. Psalm fasst das anrührend in Worte: „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.“ „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“

Wer die Vertrauensfrage stellt, stellt die Machtfrage. Wem ich vertraue, dem gebe ich immer auch Macht über mich. Das macht das Vertrauen so schwierig; die Macht kann ja missbraucht werden, dafür gibt es unendlich viele Beispiele. Ist Misstrauen dann nicht gut? Ist es nicht besser, selbst Macht und Kontrolle über mich auszuüben? Aber jeder Mensch braucht doch jemanden, dem er vertrauen kann! Niemand kann alles alleine regeln.

Die Anonymen Alkoholiker sind Menschen, die sich zusammengetan haben, um ihre Alkoholsucht zu bekämpfen. Sie treffen sich regelmäßig zu Gruppengesprächen. Niemand muss sich dabei namentlich zu erkennen geben, es geht nur um die Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Abhängigkeit. Der Alkohol, der vorübergehend Angst und Sorge vertreibt, ist für sie der falsche Hirte, der ins Verderben führt. Sie geben auf die Vertrauensfrage diese Antwort: „Für den Sinn und Zweck unserer Gruppe gibt es nur eine höchste Autorität – einen liebenden Gott, wie Er sich in dem Gewissen unserer Gruppe zu erkennen gibt“. Eine bestimmte Religion ist damit nicht gemeint, aber der Glaube an den liebenden Gott macht die Mitglieder dieser Gruppe so stark, dass sie auf Alkohol verzichten. Die Alkoholsucht ist damit nicht vorbei, auch Mitglieder der Anonymen Alkoholiker haben Rückfälle. Aber der gemeinsame Glaube an den liebenden Gott hilft ihnen, die Rückfälle zu überwinden und der Weg zurück in ein alkoholfreies Leben zu finden. Der liebende Gott nimmt Menschen eben immer wieder an, wenn sie zu ihm zurückwollen, und hält ihnen keine Moralpredigt. Er kennt sie schließlich, und seine Liebe ist viel stärker als alles, was Menschen tun können. Die Anonymen Alkoholiker erleben das nicht als fromme Worte, sondern als wirkliche Kraft und Hilfe im Kampf gegen ihre Sucht.

Der Erfolg der anonymen Alkoholiker kommt daher aus dem Vertrauen in einen Gott, über den Hesekiel sagt: 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Dieses Vertrauen richtet sich für Christen an Jesus, der als Mensch gelebt hat. Jesus hat gesagt: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“ Gott schenke uns allen dieses Vertrauen in ihn und die Kraft, es in Demut und Dankbarkeit an unsere Mitmenschen weiterzugeben.

Fürbitten

Gott, wir danken Dir, dass Du jeden Menschen als guter Hirte durch das Leben begleiten willst. Schenk den Glauben und das Vertrauen, Deine Liebe zu sehen und anzunehmen.

Gott, schütze jeden von uns davor, sich falschen Hirten zuzuwenden. Verlass keinen, der einen Irrweg beschreitet und nimm ihn wieder an, wenn er zu Dir zurückkehren will.

Gott, schenke uns Liebe, Geduld und Weisheit, für Menschen in Not in unserer zum guten Hirten zu werden.

Gott, schenke uns Liebe und Demut, schütze vor Überheblichkeit dem Nächsten gegenüber. Lass uns daran denken, dass alle Menschen aus Deiner Gnade leben.

Wir beten das Vaterunser.

Irmgard Schulz